Letzte Aktualisierung: 28. April 2017

Flensburger Tageblatt | shz.de 2. Januar 2016 Deutschland

Ehepaar klagt: „Windräder machen uns krank“

Eine Familie aus Nordfriesland kommt kaum zur Ruhe - wegen der Windräder neben ihrem Haus. Eine Bürgerinitiative will helfen.

Heimke und Pieter Hogeveen
Heimke und Pieter Hogeveen wollen mindestens eine Nacht-Abschaltung der 18 Windmühlen neben ihrem Haus erreichen.

Von Frank Jung

18 Windkraftanlagen reihen sich in einem Umkreis von rund einem Kilometer um das Haus von Heimke und Pieter Hogeveen. Mehrere davon sind 150 Meter hoch, auch die allernächste in einer Entfernung von nur circa 450 Metern. Die Mühle stand im Herbst 2013 keine zwei Monate, da konnten die beiden Physiotherapeuten aus der Nähe von Bredstedt kaum noch schlafen. „Wie ein Hamster im Rad, und das die ganze Nacht“ – so beschreiben die beiden ihr Gefühl.

Windenergie gehört zu den umweltfreundlichsten Energieressourcen. Doch viele Menschen möchten nicht, dass die Windräder in unmittelbarer Nähe zu ihrem Wohnhaus aufgestellt werden - auch aus ästhetischen Gründen.

Die Hogeveens sehen sich als Opfer von Infraschall durch Windkraftanlagen. Zwar spielt sich dieser Schall in so tiefen Frequenzen ab, dass ihn das menschliche Ohr nicht hören kann. Doch dass der Körper ihn als gesundheitsschädigenden Störfaktor wahrnehme – davon sind die beiden Nordfriesen überzeugt.

„Nicht schleichend, sondern Knall auf Fall ging es mit mir bergab“, schildert Heimke Hogeveen wie sich ihre Gesundheit durch die Windmühlen verändert hat. „Ich war Triathletin und top-trainiert – und mit einem Mal schaffte ich es kaum noch die Treppe ins Obergeschoss.“ Denn die Dauer-Erschöpfung durch Schlafmangel war längst nicht alles. Herzrasen, Schweißausbrüche in Ruhestellung, Druck auf der Lunge und Darmblutungen zählt die 53-Jährige als plötzliche Symptome auf, ihr 60 Jahre alter Mann Entzündungen von Augen, Zahnfleisch und Kopfhaut sowie Tinnitus.

Fünf verschiedene Plätze innerhalb von zwei Monaten probierten die Hogeveens in ihrem Haus aus, um mehr Nachtruhe zu finden. Endstation wurde ein Schacht unter der Erde. Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Kellerraum. Die zwei Nordfriesen leben in dem einstigen Wasserwerk des Dorfes Dörpum. Dessen ehemaliges Wasser-Reservoir hat das Paar zum letzten Zufluchtsort ausgebaut. Die 40 Zentimeter dicken Wände sind spezialgedämmt und nach Innen mit einer Holzschicht versehen. Eigens tiefergelegt ist die Decke, damit auch nach oben hin möglichst viel Material die gefürchteten Schallwellen bricht. „Von fünf Physikern haben wir uns beraten lassen“, sagt Pieter Hogeveen.

Er sieht den bunker-ähnlichen Schutzraum aber nur als Teilerfolg. Weniger stark, aber nicht komplett weg sei dort die Strahlenbelastung. Zudem lässt sich dort nicht der ganze Tag verbringen. Natürliches Licht fehlt, und vor allem müssen die Hogeveens ihre Praxis am Laufen halten. Das alte Wasserwerk ist Wohn- und Arbeitsort zugleich. Deshalb kommt für beide auch kein Verkauf der Immobilie infrage. Zumal beide es nicht für möglich halten, dass sich angesichts der vielen Windkraftanlagen jemand für das Haus interessieren könnte.

Die beiden Kinder, 14 und 18 Jahre alt, haben sie ins Internat gegeben, um deren Gesundheit zu schützen. Heimke Hogeveen hat die Ernährung komplett umgestellt. Außer Gemüse isst sie keine Kohlenhydrate mehr – in der Annahme, dass nur dies ihre Organe den „oxidativen Stress“ überstehen lässt, dem sie sich durch den Infraschall ausgesetzt sieht. Hinzu kommen tägliche Ausdauereinheiten auf dem Laufband. „Der Infraschall polt den Körper ständig auf Aktivitäts-Modus, und nur durch Sport lässt sich das wieder abbauen“, sagt die Physiotherapeutin. „Wir müssen ein hammer-diszipliniertes Leben führen – allein um zu überleben.“ Mindestens nachts fordern Hogeveens ein Betriebsverbot für die Mühlen in ihrer Nachbarschaft.

Je höher Windkraftanlagen werden und je länger ihre Flügel, desto stärker verschiebt sich der Schall in tiefere Frequenzen. Das bestätigt auch die Behörde, die in Schleswig-Holstein neue Rotoren genehmigt: das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume. Deshalb fordert die Vorsitzende von Gegenwind SH – dem landesweiten Dach der Windkraftgegner –, Susanne Kirchhoff: „Die Problematik Infraschall muss viel stärker in den Fokus von Politik und Ämtern rücken.“

Dazu zähle eine Reform der Technischen Anleitung Lärm. Die gibt vor, wie stark der Schall einer Windkraftanlage sein darf. Nur: Der Schalldruckpegel wird so gemessen, dass er das Lautstärkeempfinden des menschlichen Ohres nachbildet. Dabei werden hörbare Tonlagen stärker gewichtet als die stummen, aber dennoch vorhandenen tiefen Frequenzen des Infraschalls.

Kirchhoff fordert, die Abstände auf mindestens 2000 Meter zu jeglicher Bebauung auszuweiten. Bisher sind es in Schleswig-Holstein 800 Meter zu geschlossenen Siedlungen und 400 zu Einzelgebäuden. Und bis mindestens 2017 verlangt Kirchhoff ein Ausbau-Moratorium – also einen vertraglich oder gesetzlich vereinbarten Aufschub des Ausbaus: Dann werden die Ergebnisse der weltweit bisher umfassendsten Infraschall-Studie im Auftrag des dänischen Staats erwartet. Die meisten Kommunen in Dänemark haben im Hinblick darauf ihren Windkraftausbau auf Eis gelegt.

Das Kieler Energiewende- und Umweltministerium betont derweil, es gebe „aus den vorliegenden Studien keine Belege für Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle“. Die Grenzwerte für Schall-Emissionen in der Technischen Anleitung (TA) Lärm werde deshalb „bisher als ausreichend“ angesehen. Allerdings betont das Ministerium, die Regelwerke stellten auf „normal empfindende Menschen“ ab.

Darauf weist auch das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume (LLUR) hin, das den Bau von Windkraftanlagen absegnen muss. Daher sei es bei Schall „durchaus möglich, dass empfindliche Menschen sich bereits belästigt fühlen, obwohl der Richtwert der TA Lärm nicht überschritten ist“. Für Schutzansprüche über diese gesetzliche Vorschrift hinaus gebe es jedoch keine Rechtsgrundlage.

Das LLUR verweist auf eine Bundesstatistik: Trotz mehr als 10.000 Windkraftanlagen in Deutschland seien bisher lediglich 42 Beschwerdefälle wegen tieffrequenter Geräusche aktenkundig. In 31 davon sei nachgemessen worden – ohne Überschreitung der Grenzwerte. Das LLUR geht nicht davon aus, dass die von Hogeveens kritisierten Windkraftanlagen „Infraschall in wahrnehmbarer Größenordnung im Haus verursachen“.

Um dies zu dokumentieren, strebt die Behörde eine eigene Messung bei dem Physiotherapeuten-Paar an. Vereinbart haben das beide Seiten bereits im Mai 2014, für eine relativ seltene Ostwindlage, weil die Rotoren vor allem östlich des Hauses stehen. LLUR und Hogeveens beschuldigen sich gegenseitig, dass dazu mehrere Termine nicht zustande kamen. Messungen zweier von Hogeveens beauftragter Gutachter, darunter der TÜV-Nord, erkennt die Behörde nicht an. Es sei nicht bewiesen, dass während der Messung alle elektrischen Geräte im Haus ausgeschaltet waren, die auch Schall erzeugen könnten.